Neben dem wirtschaftlichen Schaden bergen Arzneimittelfälschungen auch erhebliche gesundheitliche Risiken. Die Europäische Union hat die Probleme erkannt und mit der Fälschungsschutzrichtlinie 2011/62/EU reagiert. Im Gegensatz zur Serialisierung, deren Anforderungen in der EU-Richtlinie sehr weitgehend beschrieben werden, wird das Antimanipulationsmerkmal allerdings nur sehr vage behandelt. Die Norm DIN EN 16679 zeigt zumindest das Spektrum der Möglichkeiten auf, welches recht überschaubar ist. Für die gängigen Pharmafaltschachteln kommen vor allem vier Lösungen infrage: das sind mit Klebstoff verschlossene Faltschachteln, spezielle Faltschachtelkonstruktionen, Folienumhüllungen und Siegeletiketten.
Um die bestehenden Faltschachteln weiter einsetzen zu können, ist unter Kosten-Nutzen-Aspekten vor allem der Einsatz von Siegeletiketten interessant. Damit diese zuverlässig ihren Dienst erfüllen, kamen hier bislang jedoch oftmals sehr spezielle Materialien zum Einsatz, etwa „Bröselfolien“, die sich bei einem Manipulationsversuch quasi auflösen, oder sogenannte Void- oder Entwertungsetiketten, die bei Öffnungsversuchen irreversibel einen Schriftzug freigeben. Diese Spezialmaterialien wiederum haben Schwächen beim maschinellen Auftragen mit Hochgeschwindigkeit.
Betriebswirtschaftlich und technisch am sinnvollsten sind konventionelle rechteckige oder runde Etiketten – vielleicht noch mit einer Sicherheitsperforation versehen. Der entscheidende Faktor für ihren Einsatz ist der Haftkleber. Er muss hochbeständig sein gegen Wasser, Heißluft und verschiedene Lösemittel. Nur dann ist gewährleistet, dass das Etikett sich selbst von stark lackierten Faltschachteln nicht abziehen lässt, ohne sich selbst oder die Faltschachtel sichtbar zu zerstören. Herma hat einen eigenen Geschäftsbereich, der sich speziell mit der Entwicklung von Haftklebern für verschiedene Herausforderungen beschäftigt. Solche Haftkleber sind inzwischen für den universellen Einsatz verfügbar, das heißt für sehr verschiedene Oberflächen. Damit lässt sich ein und dieselbe Siegeletikettvariante für eine Vielzahl von Verpackungsmaterialien und für eine Vielzahl von Oberflächen verwenden. Wie in der Praxis entsprechende Etikettieranlagen aufgebaut sein können und was sie zu leisten imstande sind, soll ein konkretes Beispiel verdeutlichen, das Herma realisiert hat.
Der Anwender hat ein sehr komplexes Aufgabenspektrum, das mit ein und demselben Anlagentyp zu bewältigen ist. Insgesamt zehn verschiedene Faltschachtelvarianten müssen mit jeweils zwei Tamper-Evident-Etiketten versehen werden. Die Größen der Faltschachteln reichen bis 200 x 250 x 250 mm (Länge in Laufrichtung x Breite x Höhe). Das Spektrum ist damit für eine einzige Anlage schon recht ambitioniert. Die Tamper-Evident-Etiketten sollen jeweils die Einstecklaschen links und rechts fest mit dem Korpus verbinden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Laschen nicht einheitlich eingesteckt werden. Bei manchen Faltschachteln werden sie rechts oben und links unten eingesteckt, bei anderen auf beiden Seiten unten bzw. oben. Fünf Packungsarten erhalten zusätzlich aufgrund spezifischer Landesvorschriften Vignetten-Labels bzw. Bollini-Etiketten, die jeweils auf der Faltschachteloberseite aufgebracht werden sollen. Das Anbringen von insgesamt drei Etiketten auf jeder Packung ist technisch gesehen grundsätzlich keine außergewöhnliche Aufgabe. Eine Herausforderung war dabei jedoch, das Handling von drei verschiedenen Etikettierern für den Bediener effizient zu gestalten und die Rüstzeiten – vor allem angesichts der höchst unterschiedlichen Faltschachtelgrößen und variierenden Verschlussvarianten – möglichst gering zu halten.




