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    Zerkleinerung und Siebung in der Feststoffproduktion: Grundlagen, Verfahren und Prozessparameter
    Foto: Sulyok Img / Unsplash
    Labor & Feststoff

    Zerkleinerung und Siebung in der Feststoffproduktion: Grundlagen, Verfahren und Prozessparameter

    Labor & Feststoff – Grundlagen
    Veröffentlicht
    02. November 2026
    Lesezeit
    5 Minuten
    Rubrik
    Labor & Feststoff

    In der Herstellung fester Arzneiformen steht am Beginn nahezu jedes Prozesses die gezielte Konditionierung von Pulvern und Granulaten. Partikelgröße und Partikelgrößenverteilung beeinflussen nicht nur Fließfähigkeit und Schüttdichte eines Feststoffs, sondern auch Lösungsgeschwindigkeit, Homogenität von Mischungen und die Komprimierbarkeit bei der anschließenden Tablettierung. Zerkleinerung – im pharmazeutischen Sprachgebrauch häufig als Mahlen oder Sieben bezeichnet – und die nachgelagerte Klassierung durch Siebung bilden daher eine unverzichtbare Einheit in der Prozesskette.

    Obwohl beide Einheitsoperationen technologisch vergleichsweise etabliert sind, stellen GMP-Anforderungen, die Empfindlichkeit pharmazeutischer Wirkstoffe sowie die zunehmende Komplexität moderner Formulierungen hohe Ansprüche an Maschinenwahl, Parameterführung und Prozesskontrolle. Ein fundiertes Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen ist Voraussetzung für eine robuste, reproduzierbare Prozessauslegung.

    Physikalische Grundlagen der Zerkleinerung

    Zerkleinerung bezeichnet die mechanische Zerteilung eines Feststoffs in kleinere Partikel durch Einbringen von Energie, die lokal die Bindungskräfte im Feststoffgefüge übersteigt. Maßgeblich für den Bruchvorgang sind drei Beanspruchungsarten: Druck- und Stoßbeanspruchung (Kompression), Scherbeanspruchung sowie Prallbeanspruchung. Je nach Materialcharakteristik – spröde, duktil, elastisch – eignen sich unterschiedliche Beanspruchungsarten besser oder schlechter. Spröde Materialien wie viele anorganische Hilfsstoffe brechen bevorzugt unter Druck- und Prallbeanspruchung, während duktile organische Wirkstoffe häufig Scherung erfordern.

    Die Energieeffizienz von Zerkleinerungsprozessen wird durch Mahlgesetze beschrieben. Das Bond-Gesetz, das Rittinger-Gesetz und das Kick-Gesetz setzen den spezifischen Energiebedarf in Beziehung zur Partikelgrößenänderung, wobei keines dieser Modelle universal gilt. Für grobe Zerkleinerung liefert das Kick-Gesetz brauchbare Näherungen, für feine Zermahlung das Rittinger-Gesetz. In der Praxis sind diese Modelle vor allem für die vergleichende Abschätzung des Energiebedarfs bei der Maßstabsübertragung relevant.

    Thermische Belastung ist ein weiterer kritischer Faktor: Beim Mahlen wird ein erheblicher Teil der eingetragenen Energie in Wärme umgewandelt. Für temperatursensitive Wirkstoffe, für amorphe Materialien oder für Substanzen mit niedrigem Schmelzpunkt kann dies zu Stabilitätsproblemen, unerwünschter Rekristallisation oder Veränderungen der Polymorphie führen. Kryogenes Mahlen – das Mahlen unter Stickstoffatmosphäre bei sehr tiefen Temperaturen – ist in solchen Fällen eine etablierte Lösung.

    Gängige Mahlverfahren und ihre Einsatzgebiete

    Pharma

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    In der pharmazeutischen Feststoffproduktion dominieren wenige Mahlprinzipien. Der Hammermühle liegt Prallzerkleinerung durch rotierende Schläger zugrunde; sie eignet sich für mittlere Feinheitsgrade und ist robust sowie leicht zu reinigen. Stiftmühlen arbeiten nach ähnlichem Prinzip, erzielen aber durch die engere Anordnung der Stifte feinere Körnungen. Schneidmühlen setzen auf Scherbeanspruchung und eignen sich besonders für faserförmige oder zähe Materialien.

    Für sehr feine Partikelgrößen im Mikrometerbereich – relevant für Inhalativa oder schlecht lösliche Wirkstoffe – kommen Strahlmühlen zum Einsatz. Sie nutzen komprimierte Luft oder Stickstoff als Energieträger, was gleichzeitig thermische Belastung minimiert und eine Schutzgasatmosphäre ermöglicht. Kugelmühlen und Rührwerkskugelmühlen werden vor allem für die Nassmahlung oder für sehr harte Materialien eingesetzt und spielen in der pharmazeutischen Produktion eine eher spezialisierte Rolle, etwa bei der Herstellung von Nanosuspensionen.

    Die Wahl des Mahlprinzips wird durch Zielpartikelgröße, Materialempfindlichkeit, Durchsatzanforderung, Reinigbarkeit und GMP-Konformität bestimmt. Besonders wichtig ist die Materialverträglichkeit aller produktberührenden Bauteile sowie die Vermeidung von Kreuzkontamination, was in der Pharmaindustrie geschlossene, leicht zu reinigende oder Single-Use-Konzepte begünstigt.

    Siebung: Klassierung und Qualitätssicherung

    Siebung dient der Trennung eines Partikelkollektivs nach Korngröße. Im pharmazeutischen Kontext erfüllt sie zwei Hauptfunktionen: die Entfernung von Grobkorn (Überkorn) und Agglomeraten nach dem Mahlen sowie die Erzeugung definierter Kornfraktionen für nachgelagerte Prozesse wie Mischung oder Tablettierung. Darüber hinaus wird Siebung in der Analytik zur Charakterisierung von Partikelgrößenverteilungen eingesetzt.

    Technisch unterscheidet man zwischen Schwingsieben, Taumelsieben, Zentrifugalsieben und Wirbelsiebern. Schwingsiebe erzeugen lineare oder elliptische Schwingungen und eignen sich für breite Korngrößenbereiche. Taumelsiebe ahmen die Handbewegung beim Sieben nach und trennen auch schwierig siebbare Materialien gut. Zentrifugalsiebmaschinen, bei denen ein rotierender Paddel das Material durch das Siebgewebe drückt, erzielen hohe Durchsatzleistungen und sind besonders für Inline-Anwendungen geeignet.

    Die Trennschärfe einer Siebung hängt von Maschenweite, Siebfläche, Verweilzeit des Materials auf dem Sieb, Materialfeuchte und Partikeleigenschaften ab. Elektrische Aufladung von Pulvern kann zu Siebverblockung führen; hier helfen antistatische Ausrüstungen oder Erdung der Anlage. Maschenweiten nach ISO 3310 sind in der Pharmaindustrie standardisiert und erlauben reproduzierbare, international vergleichbare Siebanalysen.

    Prozessparameter und kritische Qualitätsattribute

    Zu den kritischen Prozessparametern bei der Mahlung zählen Rotordrehzahl, Siebeinlage (Lochweite und Lochform), Durchsatzrate und – bei temperaturempfindlichen Stoffen – Mahltemperatur. Eine zu hohe Rotordrehzahl führt zu übermäßigem Feinkornanteil und erhöhter thermischer Belastung; eine zu niedrige Drehzahl mindert die Effizienz und kann zu Verstopfungen führen. Die Durchsatzrate beeinflusst die Verweilzeit des Materials im Mahlraum und damit die resultierende Partikelgrößenverteilung.

    Kritische Qualitätsattribute (CQA) des Mahlprozesses sind in erster Linie die Partikelgrößenverteilung (d10, d50, d90), der Feinkornanteil sowie – je nach Substanz – der Polymorphieanteil und die spezifische Oberfläche. Letztere beeinflusst maßgeblich die Lösungsgeschwindigkeit und damit die Bioverfügbarkeit des Wirkstoffs. Die Erfassung dieser Attribute erfolgt durch Laserbeugung, dynamische Bildanalyse oder Siebanalyse; für Online- und Inline-Messungen in kontinuierlichen Prozessen kommen zunehmend NIR-Spektroskopie und Fokus-Reflexions-Messung (FBRM) zum Einsatz.

    GMP-Anforderungen und Maßstabsübertragung

    Zerkleinerungs- und Siebprozesse unterliegen in der Pharmaindustrie den allgemeinen GMP-Anforderungen hinsichtlich Dokumentation, Reinigung, Wartung und Qualifizierung. Alle produktberührenden Bauteile müssen aus geeignetem, korrosionsbeständigem und nicht reaktivem Material bestehen – üblicherweise Edelstahl 316L. Siebgewebe sind verschleißanfällig und müssen in definierten Intervallen auf Integrität geprüft werden, da Siebbruch zu Metalleintrag ins Produkt führen kann.

    Die Maßstabsübertragung (Scale-up) von Mahl- und Siebprozessen erfordert besondere Sorgfalt, da geometrische Ähnlichkeit allein keine identischen Ergebnisse garantiert. Perifere Geschwindigkeit des Rotors und spezifischer Energieeintrag sind häufig bessere Skalierungsgrößen als die bloße Drehzahl. Design of Experiments (DoE) in Kombination mit statistischen Auswerteverfahren hat sich als strukturierter Ansatz für die Prozesscharakterisierung und Parameteroptimierung bewährt, wie es der QbD-Ansatz (Quality by Design) gemäß ICH Q8 vorsieht.

    Praktische Bedeutung und Ausblick

    Zerkleinerung und Siebung mögen als klassische mechanische Verfahren gelten, sie bleiben jedoch für die Qualität und Robustheit nachgelagerter Prozesse von zentraler Bedeutung. Die wachsende Verbreitung von Continuous Manufacturing stellt neue Anforderungen an die Inline-Klassierung und Echtzeit-Prozesskontrolle: Inline-Siebmaschinen mit integrierter Sensorik und automatischer Rückkopplung auf vorgelagerte Mahlparameter sind bereits in modernen Anlagen im Einsatz.

    Gleichzeitig rücken schwer mahlbare Substanzen – etwa hochpotente Wirkstoffe (HPAPI) oder amorphe Festkörperdispersionen – zunehmend in den Fokus. Sie erfordern geschlossene Systeme mit Containment-Lösungen sowie spezifisch angepasste Mahlstrategien. Die Integration von Prozessanalytik (PAT) in Mahl- und Siebanlagen, verbunden mit modellbasierter Prozesssteuerung, wird die Reproduzierbarkeit und Effizienz dieser grundlegenden Einheitsoperationen in der Zukunft weiter verbessern.

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