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    Direktverpressung in der Tablettenproduktion: Grundlagen, Materialanforderungen und Prozessgrenzen
    Foto: Crystal Kwok / Unsplash
    Labor & Feststoff

    Direktverpressung in der Tablettenproduktion: Grundlagen, Materialanforderungen und Prozessgrenzen

    Grundlagen Feststoffproduktion
    Veröffentlicht
    27. Oktober 2026
    Lesezeit
    5 Minuten
    Rubrik
    Labor & Feststoff

    In der pharmazeutischen Feststoffproduktion stehen grundsätzlich drei Wege zur Tablettenherstellung zur Verfügung: die Feuchtgranulierung, die Trockengranulierung und die Direktverpressung. Letztere zeichnet sich dadurch aus, dass Wirkstoff und Hilfsstoffe ohne vorherige Granulierung unmittelbar zu Tabletten verpresst werden. Dieses Verfahren spart Prozessschritte, reduziert den Energie- und Zeitaufwand und eliminiert thermische sowie feuchtigkeitsbedingte Belastungen des Wirkstoffs. Gleichzeitig stellt es besonders hohe Anforderungen an die physikalisch-chemischen Eigenschaften der eingesetzten Pulver.

    Die Direktverpressung hat in den vergangenen Jahrzehnten erheblich an Bedeutung gewonnen, nicht zuletzt weil die Hilfsstoffindustrie eine breite Palette co-prozessierter und funktionalisierter Trägermaterialien entwickelt hat, die gezielt auf dieses Verfahren ausgelegt sind. Dennoch scheidet die Direktverpressung für einen erheblichen Anteil der Wirkstoffkandidaten aus, weil deren Pulvereigenschaften die verfahrenstechnischen Mindestanforderungen nicht erfüllen. Ein fundiertes Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen ist daher Voraussetzung für eine zielgerichtete Formulierungsentwicklung.

    Mechanismen der Kompaktierung ohne Vorgranulat

    Bei der Direktverpressung wird das Pulvergemisch in die Matrize einer Rundläufer- oder Exzenterpresse dosiert und durch das Zusammenfahren von Ober- und Unterstempel unter hohem Druck kompaktiert. Die Tablette entsteht durch plastische Verformung, elastische Verformung und Bruchfragmentierung der Pulverpartikel sowie durch interpartikuläre Bindungskräfte, die an den neu geschaffenen Kontaktflächen wirksam werden. Welcher dieser Mechanismen dominiert, hängt von der Materialhärte, der Kristallstruktur und der Oberflächenenergie der beteiligten Substanzen ab.

    Plastisch verformbare Materialien wie mikrokristalline Cellulose (MCC) bauen unter Druckeinwirkung dauerhaft neue Bindungsflächen auf und eignen sich deshalb besonders gut als Direktverpress-Hilfsstoffe. Spröde Materialien wie Dicalciumphosphat fragmentieren unter Druck und erzeugen ebenfalls neue Kontaktflächen, zeigen jedoch ein anderes Verdichtungsverhalten. Elastisch verformbare Substanzen hingegen weichen dem Pressdruck aus und kehren nach Entlastung in ihre ursprüngliche Form zurück, was zur Capping- und Laminierneigung führt. Die Kenntnis dieser Materialeigenschaften ist die Grundlage jeder Formulierungsentscheidung.

    Anforderungen an Fließfähigkeit und Schüttverhalten

    Eine gleichmäßige Dosierung der Pulvermischung in die Matrizenbohrung ist Voraussetzung für eine konstante Tablettenmasse und damit für die Wirkstoffgehaltsgleichmäßigkeit. Die Direktverpressung erfordert daher eine deutlich bessere Fließfähigkeit des Pulvergemisches als Prozesse mit vorgeschalteter Granulierung, da das Granulat durch seine gröbere und gleichmäßigere Partikelgrößenverteilung sowie durch seine höhere Dichte von Natur aus bessere Fließeigenschaften aufweist. Kritische Kenngrößen zur Beurteilung der Fließfähigkeit sind der Hausner-Faktor, der Carr-Index sowie Schüttwinkel und dynamische Fließparameter, die mit modernen Pulverrheometern bestimmt werden.

    Feinteilige oder kohäsive Wirkstoffe mit großer spezifischer Oberfläche neigen zu Brückenbildung, Agglomeration und unregelmäßigem Füllverhalten, was zu Massenvariation und damit zu Compliance-Problemen führt. In solchen Fällen können Fließregulierungsmittel wie hochdisperses Siliciumdioxid eingesetzt werden, die die Oberfläche der Partikel belegen und die Kohäsionskräfte reduzieren. Entmischung, auch Segregation genannt, stellt ein weiteres zentrales Risiko dar: Unterschiede in Partikelgröße, -dichte und -form zwischen Wirkstoff und Hilfsstoffen können während Transport, Lagerung und Dosierung zur Separation führen, mit unmittelbaren Auswirkungen auf die Gehaltsgleichmäßigkeit.

    Hilfsstoffe für die Direktverpressung: Auswahl und Funktion

    Füllstoffe und Bindemittel nehmen in der Direktverpressung eine Doppelrolle ein: Sie dienen sowohl der Masseangleichung als auch der Tablettenbildung. Mikrokristalline Cellulose in verschiedenen Qualitäten (unterschiedliche mittlere Partikelgrößen und Feuchtigkeitsgehalte) gilt als Referenzsubstanz für direkt verpressbare Bindemittel-Füllstoffe, da sie hervorragende plastische Verformbarkeit und hohe Kompaktierbarkeit bei breitem Druckfenster vereint. Weitere verbreitete Füllstoffe sind Lactose-Monohydrat in sprühgetrockneter Form, Dicalciumphosphat-Dihydrat, Mannitol in verschiedenen Modifikationen sowie Sorbitol.

    Co-prozessierte Hilfsstoffe, also Kombinationsprodukte aus zwei oder mehr Rohstoffen, die gemeinsam einem physikalischen Prozess wie Sprühtrocknung oder Kokristallisation unterzogen wurden, erweitern das verfügbare Spektrum erheblich. Sie kombinieren die vorteilhaften Eigenschaften verschiedener Einzelsubstanzen in einer einzigen Partikelstruktur und verbessern so gleichzeitig Fließfähigkeit, Kompaktierbarkeit und Tablettenauflösung. Sprengmittel wie Croscarmellose-Natrium, Crospovidon oder Natriumstärkeglykolat werden in der Regel in Konzentrationen von zwei bis acht Prozent zugegeben und gewährleisten die vorgeschriebene Zerfallszeit. Schmiermittel, allen voran Magnesiumstearat, reduzieren Reibung zwischen Pulver, Stempel und Matrizenwand, beeinflussen aber bei zu hohem Anteil oder zu langer Mischzeit die Kompaktierbarkeit negativ.

    Prozessgrenzen und Ausschlusskriterien

    Die Direktverpressung stößt an verfahrenstechnische Grenzen, wenn der Wirkstoffanteil in der Tablette einen Schwellenwert überschreitet, unterhalb dessen ausreichend Hilfsstoff zur Verfügung steht, um die notwendige Tablettenqualität zu gewährleisten. Als Faustregel gilt, dass Wirkstoffe mit einem Anteil von mehr als 30 bis 40 Prozent an der Gesamtformulierung besondere Herausforderungen an die Direktverpressung stellen, sofern sie selbst keine akzeptablen Kompaktiereigenschaften aufweisen. Wirkstoffe mit geringer Schüttdichte, ausgeprägter Hygroskopizität oder Polymorphieneigung unter mechanischer Beanspruchung sind ebenfalls kritisch zu bewerten.

    Darüber hinaus sind niedrig dosierte Wirkstoffe mit einem Anteil unter einem Prozent besonders anfällig für Segregation und erfordern besondere Aufmerksamkeit beim Mischprozess und beim Befüllen des Maschinentrichters. In solchen Fällen kann eine Vorpelletierung oder ein Triturationsprozess erforderlich werden. Die maschinenseitige Begrenzung liegt in der maximalen Presskraft der Tablettiermaschine sowie in der Verweilzeit des Pulvers unter Druck, die bei Hochleistungsrundläuferpressen sehr kurz ist und plastisch verformbare Materialien bevorzugt.

    Prozessanalytik und Qualitätssicherung im Direktverpress-Prozess

    Moderne Tablettenpressen sind mit integrierter Presskraftkontrolle ausgestattet, die über die Messung der Stempelkräfte indirekt auf die Tablettenmasse und -härte schließt und einzelne Tabletten bei Abweichungen automatisch ausschleust. Diese In-Process-Kontrolle ist ein wesentliches Element der GMP-konformen Produktion und erfüllt die Anforderungen an eine kontinuierliche Überwachung kritischer Qualitätsattribute. Darüber hinaus kommen Near-Infrarot-Spektroskopie (NIR) und Raman-Spektroskopie als PAT-Werkzeuge zum Einsatz, um Wirkstoffgehaltsgleichmäßigkeit, Feuchtigkeit und polymorphe Zusammensetzung inline oder online zu überwachen.

    Die Qualifizierung des Direktverspressungsprozesses erfordert eine sorgfältige Charakterisierung der eingehenden Rohstoffe, eine systematische Untersuchung des Formulierungsraums im Rahmen eines Quality-by-Design-Ansatzes sowie die Definition eines nachgewiesenen Arbeitsbereichs, des sogenannten Proven Acceptable Range, für alle kritischen Prozessparameter. Hierzu zählen insbesondere Presskraft, Tablettierhub, Fülltiefe und Rotationsgeschwindigkeit. Die ICH-Richtlinien Q8, Q9 und Q10 bilden den regulatorischen Rahmen für diesen Entwicklungsansatz.

    Praxis und Ausblick

    Die Direktverpressung bleibt das bevorzugte Verfahren, wenn die Formulierungseigenschaften es zulassen, da sie mit weniger Prozessschritten, kürzeren Zykluszeiten und geringerem Reinigungsaufwand verbunden ist als granulierungsbasierte Verfahren. Mit dem wachsenden Portfolio funktionalisierter und co-prozessierter Hilfsstoffe erweitern sich die Möglichkeiten, auch anspruchsvolle Wirkstoffe direkt zu verpressen. Gleichzeitig treiben Continuous-Manufacturing-Konzepte die Integration von Dosierung, Mischung und Verpressung in kontinuierliche Prozessketten voran, bei denen die Direktverpressung als zentrales Verbindungsglied fungiert. Die konsequente Verknüpfung von Materialcharakterisierung, Formulierungsentwicklung und Prozessüberwachung bildet dabei die Grundlage für eine robuste, GMP-konforme Produktion.

    Pharma

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