Voraussetzung für das Eintreten der Eiskeimbildung sind zwei Prozessbedingungen: Die Produkttemperatur muss unter dem Gefrierpunkt liegen. Zudem müssen Nukleationselemente vorhanden sein, die den Prozess der Eiskeimbildung ermöglichen. Die Temperaturdifferenz zwischen dem Gleichgewichts-gefrierpunkt und der Eiskeimbildung wird als Unterkühlung (Super Cooling) bezeichnet. Eine niedrigere Temperatur bei der Eiskeimbildung oder eine stärkere Unterkühlung führen zu einer größeren Anzahl an Eiskeimen und damit zu kleineren Eiskristallen. Andererseits bewirken eine höhere Nukleationstemperatur oder ein geringerer Unterkühlungsgrad, dass weniger Eiskeime und größere Eiskristalle und somit größere Poren und Porennetzwerke gebildet werden. Da größere Poren höhere Sublimationsgeschwindigkeiten mit sich bringen, verkürzen sich auch die Trocknungszyklen und die Rekonstitutionsdauer. Zudem verbessern sich die Produkteigenschaften. Damit die Produktmorphologie sowie die Struktur und das Aussehen des Produktkuchens gleichmäßig und in allen Glasfläschchen (Vials) identisch sind, muss die Eiskeimbildung gleichzeitig stattfinden. Sind die Bedingungen jedoch unkontrolliert und keine Nukleationselemente vorhanden, kann die Verteilung der Nukleationstemperatur in den verschiedenen Vials und damit die Gleichmäßigkeit des Endproduktes stark variieren. Dies ist vor allem bei der Verwendung von glattwandigen sterilen Glasfläschchen der Fall. Deshalb stellt das Gefrieren einen der wichtigsten Schritte des Lyophilisierungsprozesses dar.
Die größte Schwierigkeit bei der kontrollierten Eiskeimbildung in flüssigen Präparaten, also bei der Bestimmung von Nukleationstemperatur und -zeitpunkt, ist ihre Skalierbarkeit. Einige Verfahren funktionieren unter Laborbedingungen sehr gut, lassen sich aber nur schwer auf größere Produktionsmengen übertragen.
Das von Linde Gas zusammen mit IMA Life entwickelte Eisnebelverfahren Veriseq Nucleation bietet eine kommerziell nutzbare Möglichkeit, eine einheitliche Dispersion von mikroskopisch kleinen Eiskristallen herzustellen. Hierbei wird Eisnebel in einer Mischvorrichtung außerhalb der Gefriertrocknungskammer durch die Verbindung von kaltem Stickstoff und heißem Wasserdampf erzeugt. Wenn diese Eiskristalle anschließend in vorgekühlte Vials mit dem Pharmaprodukt, das gefriergetrocknet werden soll, eingeleitet werden, dienen sie als Nukleationspunkte. Dadurch kann bei einer gezielt gewählten Unterkühlungstemperatur eine schnelle und einheitliche Eiskeimbildung sowohl innerhalb einzelner Vials als auch der gesamten Charge bewirkt werden.
Die Zugabe des Eisnebels erfolgt in zwei Schritten: Die Vials mit den Produkten werden zunächst auf eine bestimmte Temperatur ober- oder unterhalb ihres Gefrierpunkts heruntergekühlt. Anschließend wird der Eisnebel eingeleitet, um die Eiskeimbildung auszulösen. Damit das Verfahren im industriellen Maßstab anwendbar ist, muss zunächst genügend Eisnebel erzeugt werden, um die Kammer mit den Vials voll auszufüllen und die Nukleation eines jeden Vials zu ermöglichen. Eine weitere Herausforderung liegt darin, in die Vials mit unterschiedlichen Volumina und Verschlusskappengeometrien einzudringen. Dies wurde durch die Entwicklung einer speziellen Mischvorrichtung erreicht, in der es möglich ist, Eisnebel effizient und schnell zu erzeugen und ihn innerhalb der gesamten Gefrierkammer zirkulieren zu lassen. Das System hat weder bewegliche Teile noch komplexe Komponenten, die das Dampfreinigen oder andere Sterilisationsverfahren erschweren würden. Zudem erfordert es keinen Druck in der Kammer. Fast alle Gefriertrockner, sterilisierbare wie nicht sterilisierbare, können mit dieser Technologie nachgerüstet werden. Dabei muss der Gefriertrockner keine aufwändigen Anforderungen erfüllen. Für die Injektion des Eisnebels und dessen Rückführung werden lediglich zwei gegenüberliegende Anschlussöffnungen (Ports) benötigt, die je nach Größe der Lyokammer 2 oder 3 Zoll groß sein sollten .




