Der Autor: Hans Bijl, Sr. Manager Business Development Life Science, Siemens
Arzneimittelhersteller müssen häufig zusehen, wie ihre Originalprodukte durch unregistrierte, gefälschte und manchmal sogar lebensgefährliche Imitate ersetzt werden. Dies ist nicht nur eine potenzielle Gefahr für die Gesundheit der Verbraucher, sondern bedroht auch die wirtschaftliche Gesundheit des Unternehmens, die das Originalprodukt herstellt. Die bevorzugte Methode, gegen Fälschungen vorzugehen, besteht in der Absicherung der Lieferkette der einzelnen Arzneimittelpackungen. Wenn die Echtheit einer jeden Medikamentenpackung überprüfbar ist, lässt sich das Risiko der Einnahme von gefälschten Arzneimitteln drastisch reduzieren. Ist darüber hinaus die Rückverfolgbarkeit einer einzelnen Arzneimittelpackung vom Verbraucher bis zum Verpackungsprozess gewährleistet, lässt sich die Lieferkette nahezu vollständig absichern.
Als erster Schritt zur Gestaltung einer sicheren Lieferkette hat sich in den letzten Jahren die Produktserialisierung, d. h. die individuelle Kennzeichnung jeder einzelnen Verpackung mit einem fälschungssicheren Code, etabliert. Mittlerweile nehmen alle großen Pharmaunternehmen die Serialisierung ernst und implementieren entsprechende Maßnahmen. Einsatzgruppen und Projektteams für Tracking und Tracing wurden gebildet und entsprechende Pilotanlagen gebaut. In Fällen, in denen ein Unternehmen bereits betroffene Regionen beliefert (z. B. Frankreich mit CIP13-Kodierung oder die Türkei mit einer Kodierung sowohl für Serialisierung und Aggregation), wurden die entsprechenden Produktionslinien so ausgestattet, dass die einzelnen Produktverpackungen nummeriert werden können.
Leider ist die Gesetzgebung trotz des globalen Charakters der derzeitigen Arzneimittellieferketten sehr uneinheitlich und regional unterschiedlich. In vielen Fällen wird eine entsprechende Umsetzung nur angekündigt, aber dann mehrfach verschoben. Eines der eklatantesten Beispiele hierfür ist Brasilien, wo der lokale Gesetzgeber Anvisa schon im Jahr 2009 lokale Vorschriften (fälschungssichere Labels mit 2D-Barcode) angekündigt hat, die im Januar 2011 in Kraft treten sollten. Nachdem es in Brasilien jedoch Anfang dieses Jahres zu einem Regierungswechsel gekommen ist, verzögerte sich die Umsetzung der angekündigten Vorschriften. Bis heute ist unklar, wann die neue Gesetzgebung inkrafttreten wird.
Sowohl die Europäische Union als auch die USA streben den Einsatz des universellen GS1-Standards für die Codierung der einzelnen Produktverpackungen in Verbindung mit dem Data Matrix Code (2D-Barcode) an, dies ist allerdings erst für 2014 und 2015 geplant. Doch auch wenn Bestrebungen nach einer Standardisierung im Gang sind, hat die EU-Gesetzgebung derzeit nur die Form einer Richtlinie. Sie schreibt der Industrie nicht verbindlich vor, worauf sie sich vorzubereiten hat bzw. wann Serialisierung Pflicht sein wird. Der jüngste diesbezügliche Schritt ist die deutsche Secur-Pharm-Initiative. Auf Grundlage der EU-Ankündigungen hat ein formeller Zusammenschluss aus Vertretern der deutschen Pharmaindustrie, Behörden, Händlern und Apotheken eine spezielle Organisation gegründet und einen Plan für einen umfassenden, durchgehenden Prozess zur Produkt-Nachverfolgung verabschiedet. Die Initiative beruht teilweise auf den 2009 mit dem EFPIA-Pilotprojekt gemachten Erfahrungen, in dessen Rahmen Lieferanten (darunter Siemens) ein ähnliches, wenn auch kleineres erstes Pilotprojekt im Großraum Stockholm realisiert haben. Die neue deutsche Initiative wird bei Erfolg auch für andere europäische Länder wegweisend sein.




