Im Konkurrenzkampf um die besten Talente fällt es Pharmaunternehmen zunehmend schwerer, passende qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen. Der Mangel betrifft alle Ebenen – von Helfern über Fachkräfte und Spezialisten bis hin zu Führungskräften. Attraktive Gehälter und Sozialleistungen reichen nicht mehr aus. Es braucht eine familienbewusste Personalpolitik, die sich an den Bedürfnissen von Mitarbeitern in den unterschiedlichen Lebensphasen orientiert.
Einem Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge gab es 2024 in der Pharmabranche rund 2640 unbesetzte Stellen, von denen zirka jede Vierte nicht nachbesetzt werden konnte. Doch wie lässt sich dieser Trend umkehren? Zwei Pharmaunternehmen, die nach dem Audit Berufundfamilie zertifiziert wurden, zeigen, warum sich die Investition in familien- und lebensphasenbewusste Maßnahmen zur Personalbindung lohnen können.
Audit wirkt nach innen und außen
Die Grünenthal Pharma GmbH & Co. KG mit bundesweit rund 1200 Mitarbeitenden setzt bereits seit vielen Jahren auf eine familien- und lebensphasenbewusste Personalpolitik. Die Millennials, durchschnittlich rund 45 Jahre alt, machen den größten Anteil an der Belegschaft aus; viele davon sind Eltern. Die Suche nach geeignetem Personal ist herausfordernd. Es fehlen zum Beispiel Wissenschaftler mit Berufserfahrung oder IT-Spezialisten. „Auch ist es herausfordernder geworden, unsere Ausbildungsplätze zu besetzen“, sagt die Senior-HR-Managerin Sigrid Nachtigahl. Derzeit arbeiten 60 Azubis in zwölf Ausbildungsberufen, darunter Chemielaboranten, Chemikanten und Industriekaufleute. Um die Attraktivität für ihre Berufe zu erhöhen und qualifizierte Mitarbeiter zu halten, legt der Mittelständler – entsprechend den sich wandelnden Bedürfnissen seiner vielfältigen Belegschaft – einen Fokus auf eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Familienbewusste Maßnahmen wurden in den letzten Jahren sukzessive ausgebaut, wofür das Unternehmen bereits zum fünften Mal durch Berufundfamilie zertifiziert wurde. „Wir nutzen das Audit als Leitfaden, um vereinbarkeitsfördernde Maßnahmen zu implementieren“, sagt Sigrid Nachtigahl. Das Audit wirke nach innen durch eine höhere Arbeitszufriedenheit und Leistungsfähigkeit, was zur Mitarbeiterbindung beiträgt und nach außen durch eine attraktive Arbeitgebermarke. Benefits geben oft den Ausschlag bei der Arbeitgeberwahl. „Mit unseren unterschiedlichen flexiblen Arbeitszeitmodellen und Gesundheitsangeboten können wir Bewerber für uns gewinnen.“, so Sigrid Nachtigahl.
Familienstartzeit und Pflegezuschuss
Seit 2021 haben Beschäftigte die Möglichkeit, drei Tage von zuhause oder mobil zu arbeiten, sofern es die Tätigkeit zulässt. Das in einer Betriebsvereinbarung geregelte Angebot werde unter anderem von Spezialisten, zum Beispiel im Bereich Marketing, IT oder Finanzen, gern genutzt. Um Eltern zu unterstützen, gibt es zudem Teilzeitangebote mit zum Beispiel 20 bis 25 Arbeitsstunden pro Woche. Sigrid Nachtigahl: „Besonders nachgefragt ist die Betreuung von Mitarbeiterkindern in der Verbund-Kita mit 60 Plätzen, die wir bereits seit zehn Jahren anbieten.“ Die verlässliche Kinderbetreuung habe dazu geführt, dass viele Eltern bereits nach einem Jahr oder früher aus der Elternzeit zurückkehren, was für beide Seiten vorteilhaft sei. Auch mit dem Angebot einer Ferienbetreuung und einer bundesweiten virtuellen Kinderbetreuung, die auch Außendienstmitarbeitern zugutekommt, werden Eltern entlastet. Neu ausgerollt wurde die zehntägige Familienstartzeit: Eltern können den Sonderurlaub nach der Geburt des Kindes beantragen, „um in dieser besonderen Zeit einen Fokus auf das Familienleben zu legen.“ Zur Vereinbarkeit trägt auch die Unterstützung von Beschäftigten mit pflegenden Angehörigen bei. Bei Bedarf kann die Arbeitszeit auf 50 oder 75 % reduziert werden – mit einem Zuschuss vom Arbeitgeber, um das Arbeitsentgelt aufzustocken.




