Kaum eine physikalische Größe wird in der pharmazeutischen und biotechnologischen Fertigung häufiger erfasst als die Temperatur. Sie beeinflusst Reaktionskinetik, Produktqualität, Sterilisationserfolg und Lagerstabilität gleichermaßen. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an die eingesetzten Messmittel: Genauigkeit, Reproduzierbarkeit, Rückverfolgbarkeit und Eignung für den GMP-Betrieb müssen lückenlos nachgewiesen werden. Dennoch wird die Auswahl von Temperatursensoren in der Praxis häufig unterschätzt – mit Folgen für Kalibrierstatus, Datenintegrität und im schlimmsten Fall für die Produktfreigabe.
Der folgende Artikel gibt einen systematischen Überblick über die gängigen Messprinzipien, typische Einsatzgebiete in der Pharmaproduktion, GMP-spezifische Anforderungen sowie die Grundlagen der Qualifizierung und Kalibrierung von Temperatursensoren.
Messprinzipien im Überblick: RTD, Thermoelement und weitere Verfahren
In der industriellen Prozesstemperaturmessung dominieren zwei elektrische Messprinzipien: Widerstandsthermometer (RTD, Resistance Temperature Detector) und Thermoelemente (TC, Thermocouple). Beide Typen haben spezifische Stärken, die je nach Anforderungsprofil abgewogen werden müssen.
Widerstandsthermometer nach DIN EN 60751 nutzen die temperaturabhängige Änderung des elektrischen Widerstands eines Messwiderstands aus Platin. Der Typ Pt100 (Nennwiderstand 100 Ohm bei 0 °C) und der empfindlichere Pt1000 sind in der Pharmaindustrie am weitesten verbreitet. Sie zeichnen sich durch hohe Langzeitstabilität, gute Linearität und eine Messgenauigkeit aus, die je nach Klasse (AA, A, B nach IEC 60751) im Bereich von ±0,1 K bis ±0,3 K liegt. Der Messbereich erstreckt sich typisch von –200 °C bis +850 °C, wobei pharmazeutisch relevante Anwendungen meist zwischen –80 °C (Tiefkühllagertank) und +180 °C (Heißdampfsterilisation) liegen.
Thermoelemente basieren auf dem Seebeck-Effekt: An der Verbindungsstelle zweier unterschiedlicher Metalle entsteht eine thermoelektrische Spannung, die proportional zur Temperaturdifferenz zwischen Mess- und Vergleichsstelle ist. Gängige Typen in der Pharmaindustrie sind Typ K (NiCr-Ni, –200 °C bis +1260 °C) für Hochtemperaturanwendungen wie Trockensterilisatoren sowie Typ T (Cu-CuNi) für tiefe Temperaturen. Thermoelemente reagieren schneller als RTDs, weisen jedoch eine höhere Drift auf und erfordern eine sorgfältige Kaltstellenkompensation. Für kritische GMP-Messpunkte mit hohen Stabilitätsanforderungen sind RTDs in der Regel die bevorzugte Wahl.
Ergänzend kommen in bestimmten Anwendungen Infrarot-Pyrometer (berührungslose Messung an bewegten Tablettiermaschinen oder Coatingtrommeln), Faseroptik-Temperatursensoren (Einsatz in explosionsgeschützten Bereichen oder MRI-Umgebungen) sowie digitale Einwegsensoren (Single-Use-Bioreaktoren) zum Einsatz. Diese Speziallösungen gewinnen insbesondere in der Biopharmaindustrie an Bedeutung.




