Die Herstellung von Arzneimitteln, Medizinprodukten und hochwertigen Kosmetika stellt extreme Anforderungen an die Umgebungsbedingungen. Partikel, Mikroorganismen und chemische Kontaminanten können Produkte unbrauchbar oder gefährlich machen – mit unmittelbaren Folgen für Patientensicherheit und behördliche Zulassung. Reinräume bilden die technische Antwort auf diese Anforderungen: Sie begrenzen Konzentration und Art von Verunreinigungen in der Luft durch definierte Strömungsführung, Filterung und Druckverhältnisse. Dabei ist Reinraumtechnik kein isoliertes Gewerk, sondern integraler Bestandteil des gesamten Produktionssystems.
Grundlage jeder Reinraumentscheidung sind die einschlägigen Regelwerke: Die EU-GMP-Leitlinie Annex 1 in der revidierten Fassung von 2022 definiert für die Herstellung steriler Produkte vier Umgebungsklassen (A bis D), während die ISO-Norm 14644-1 eine produktunabhängige Klassifizierung nach Partikelkonzentration vorschreibt. Beide Systeme ergänzen sich in der Praxis, adressieren jedoch unterschiedliche Aspekte – ISO 14644 beschreibt den physikalischen Zustand der Luft, während der EU-GMP-Annex 1 darüber hinaus mikrobiologische Grenzwerte, Prozessanforderungen und das Contamination Control Strategy-Konzept verankert.
Klassifizierung: ISO 14644 und EU-GMP-Klassen im Überblick
Die ISO-Norm 14644-1 klassifiziert Reinräume anhand der maximal zulässigen Partikelkonzentration pro Kubikmeter Luft in den Größenklassen ≥ 0,1 µm bis ≥ 5 µm. Die gebräuchlichste Referenzgröße ist die 0,5-µm-Partikel. ISO-Klasse 5 entspricht dabei einer maximalen Konzentration von 3.520 Partikeln/m³ bei 0,5 µm und ist typisch für kritische Prozesszonen in der aseptischen Fertigung. ISO-Klasse 8 mit 3.520.000 Partikeln/m³ stellt das untere Ende des üblichen Pharmaspektrums dar und findet sich etwa in Schleusen oder Stützräumen.
Das EU-GMP-Klassensystem definiert vier Klassen: Klasse A entspricht dem kritischen Prozessbereich – beispielsweise dem Füllbereich in der aseptischen Abfüllung oder dem offenen Behälter – und wird durch laminare Strömung mit einer Luftgeschwindigkeit von typischerweise 0,36 bis 0,54 m/s im Betriebszustand charakterisiert. Klasse B ist der unmittelbare Hintergrundraum zu Klasse A bei aseptischen Prozessen. Klassen C und D sind weniger kritische Produktionszonen, etwa für die Herstellung von Lösungen, die später sterilfiltriert werden. Die EU-GMP-Klassen korrelieren weitgehend mit ISO-Klassen 5, 5, 7 und 8 – jedoch nur für den Betriebszustand, weshalb ein direkter Vergleich stets den jeweiligen Klassifizierungszustand (at rest vs. in operation) berücksichtigen muss.
Strömungsprinzipien: turbulenzarm versus Mischströmung
Technisch unterscheidet die Reinraumtechnik zwei grundlegende Strömungskonzepte. Bei der turbulenzarmen Verdrängungsströmung – auch als laminare Strömung bezeichnet – wird gereinigte Luft gleichmäßig und gerichtet durch den Reinraum geführt, sodass Partikel kontinuierlich aus dem Schutzbereich ausgetragen werden. Dieses Prinzip wird in Klasse-A-Zonen umgesetzt, klassisch durch sogenannte Laminar-Flow-Units oder Downflow-Decken mit HEPA-Filterdecke und Gitterrostboden. Die Luftwechselrate beträgt dabei in der Regel mehrere hundert pro Stunde.




