In der pharmazeutischen und biotechnologischen Produktion erfüllen Prozessleitsysteme – im internationalen Sprachgebrauch als Distributed Control Systems (DCS) oder in kleineren Anlagen als Supervisory Control and Data Acquisition (SCADA) bezeichnet – eine doppelte Funktion: Sie steuern und regeln Produktionsprozesse in Echtzeit und dokumentieren gleichzeitig sämtliche prozessrelevanten Daten lückenlos. Diese Kombination aus Steuerung und Dokumentation ist in anderen Industrien wünschenswert, im GMP-regulierten Umfeld hingegen zwingend vorgeschrieben.
Der wesentliche Unterschied zu industriellen Leitsystemen in der Chemie oder Lebensmittelindustrie besteht im regulatorischen Rahmen: Die Anforderungen der EU GMP-Leitlinien, des US-amerikanischen Code of Federal Regulations (21 CFR Part 11) sowie der GAMP-5-Richtlinie der ISPE definieren präzise, wie computergestützte Systeme in der Pharmafertigung zu gestalten, zu validieren und zu betreiben sind. Das hat direkte Auswirkungen auf Systemarchitektur, Softwareauswahl und Betriebsorganisation.
Systemarchitektur: Hierarchie und Redundanz
Moderne Prozessleitsysteme in der Pharmaproduktion sind hierarchisch aufgebaut. Auf der untersten Ebene – der Feldebene – kommunizieren Sensoren, Aktoren und Messumformer über Feldbusprotokolle wie PROFIBUS, PROFINET, Foundation Fieldbus oder HART mit übergeordneten Steuereinheiten. Die Steuerungsebene umfasst speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS) oder dezentrale Regler, die Prozessgrößen wie Temperatur, Druck, Durchfluss und pH-Wert in definierten Regelkreisen halten.
Darüber liegt die Prozessleitebene mit den Operator-Stationen und dem zentralen Daten-Historian, der alle Prozesswerte zeitgestempelt archiviert. In größeren Produktionsumgebungen schließt sich die Betriebsleitebene an, auf der Manufacturing Execution Systems (MES) Produktionsaufträge verwalten und die Schnittstelle zum ERP-System bilden. Die Redundanzauslegung – also das Vorhandensein von Backup-Controllern, gespiegelten Datenbanken und unterbrechungsfreier Stromversorgung – orientiert sich an der Kritikalität des Prozesses und wird im Rahmen der Risikoanalyse festgelegt.
GMP-Compliance: Was 21 CFR Part 11 und Annex 11 konkret fordern
Der US-amerikanische 21 CFR Part 11 und der europäische GMP-Annex 11 stellen die zentralen Regelwerke für computergestützte Systeme in der Pharmafertigung dar. Beide fordern im Kern dieselben Prinzipien: Elektronische Aufzeichnungen müssen authentisch, vollständig, lesbar und über den gesamten Aufbewahrungszeitraum abrufbar sein. Elektronische Unterschriften müssen eindeutig einer Person zugeordnet sein und dürfen nicht ohne Nachweis veränderbar sein.



