Die fortschreitende Digitalisierung pharmazeutischer Produktionsprozesse bringt erhebliche Effizienzgewinne: Prozessanalytik (PAT), Manufacturing Execution Systems (MES), Condition Monitoring und cloudbasierte Datenauswertung sind in modernen Anlagen längst Standard. Gleichzeitig wächst damit die Angriffsfläche für Cyberbedrohungen. Tabeltierpressennetzwerke, Isolatorsteuerungen und SCADA-Systeme für Reinraumanlagen kommunizieren heute häufig über industrielle Ethernet-Protokolle und sind – zumindest indirekt – mit dem Unternehmensnetzwerk verbunden. Ein einziger kompromittierter Endpunkt kann in einer flachen, unsegmentierten Netzwerkarchitektur genügen, um kritische Produktionsprozesse zu unterbrechen oder Produktdaten zu manipulieren.
Netzwerksegmentierung adressiert dieses Risiko strukturell: Sie unterteilt ein physisch oder logisch zusammenhängendes Netzwerk in klar abgegrenzte Zonen, zwischen denen Kommunikation nur nach definierten Regeln stattfindet. Für die Pharmaindustrie ist dies nicht nur eine Frage der IT-Sicherheit, sondern berührt unmittelbar GMP-relevante Systemintegrität, Datenintegrität nach ALCOA+-Grundsätzen und die Anforderungen regulatorischer Leitfäden wie der GAMP 5 sowie des FDA Cybersecurity Frameworks.
OT und IT: Warum getrennte Netzwerke unverzichtbar sind
In der Pharmaindustrie treffen zwei grundlegend unterschiedliche Netzwelten aufeinander: die klassische Informationstechnologie (IT) mit Bürokommunikation, ERP-Systemen und Cloud-Anbindung sowie die Operational Technology (OT), die Prozessleitsysteme, speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS), Feldgeräte und Laborinstrumente umfasst. IT-Netzwerke sind auf kurze Patch-Zyklen und schnelle Updates ausgelegt; OT-Umgebungen hingegen arbeiten häufig mit validierten Softwareständen, die über Jahre oder Jahrzehnte stabil gehalten werden müssen – ein Update erfordert in der Regel eine aufwändige Revalidierung.
Diese Asymmetrie macht eine physische oder logische Trennung beider Bereiche zwingend erforderlich. Schadsoftware, die sich im IT-Bereich ausbreitet – etwa über Phishing oder kompromittierte Update-Server – soll keine Möglichkeit erhalten, in die OT-Ebene vorzudringen. Umgekehrt können OT-Systeme mit veralteten Betriebssystemen (Windows XP oder Windows 7 sind in älteren Pharmaanlagen noch verbreitet) nicht mit modernen IT-Sicherheitsstandards geschützt werden und müssen daher isoliert betrieben werden.
Das Purdue-Modell als Referenzarchitektur für die Pharmaindustrie
Die industriell etablierteste Referenzarchitektur für die Segmentierung von OT-Netzwerken ist das Purdue Enterprise Reference Architecture Model (PERA), das in der IEC 62443-Normenfamilie für industrielle Automatisierungs- und Steuerungssysteme (IACS) weiterentwickelt wurde. Es gliedert Netzwerke in hierarchische Ebenen: von der Feldebene (Level 0–1: Sensoren, Aktoren, SPS) über die Prozessleittechnik (Level 2: SCADA, DCS) und die Betriebsebene (Level 3: MES, LIMS) bis zur Unternehmensebene (Level 4–5: ERP, Cloud-Dienste).




