In der pharmazeutischen Produktion ist die Luftqualität im Reinraum kein abstraktes Gütekriterium, sondern eine direkte Einflussgröße auf die Produktsicherheit. Pathogene oder sporenbildende Mikroorganismen, die über die Raumluft auf offene Produkte, Primärverpackungen oder kritische Oberflächen gelangen, können gravierende Folgen haben — von Chargenverwürfen bis hin zu Patientengefährdung. Die mikrobiologische Luftüberwachung ist deshalb integraler Bestandteil des Contamination Control Strategy-Konzepts (CCS), das seit der überarbeiteten EU-GMP-Annex 1 (2022) verbindlich gefordert wird. Für Qualitätssicherungsverantwortliche, Reinraumplaner und Produktionstechniker ist ein fundiertes Verständnis der eingesetzten Methoden und ihrer Grenzen unverzichtbar.
Grundsätzlich unterscheidet man bei der Luftkeimsammlung zwischen aktiven und passiven Methoden. Beide haben spezifische Stärken, Schwächen und regulatorische Verankerungen. Ihre sinnvolle Kombination ist in der GMP-Praxis der Regelfall.
Passive Luftkeimsammlung: Sedimentationsplatten und ihre Grenzen
Die älteste und einfachste Methode der mikrobiologischen Luftüberwachung ist die Exposition von Sedimentationsplatten, auch als Settle Plates bezeichnet. Dabei werden offene Nährmediumplatten — üblicherweise mit Tryptic Soy Agar (TSA) oder Sabouraud Dextrose Agar (SDA) für Pilze — für einen definierten Zeitraum, typischerweise vier Stunden, in der Reinraumluft ausgelegt. Mikroorganismen, die sich aus der Luft auf die Agaroberfläche absetzen, bilden nach Bebrütung sichtbare Kolonien, die als koloniebildende Einheiten (KBE) gezählt werden.
Der Vorteil dieser Methode liegt in ihrer Einfachheit und den geringen Kosten. Zudem simuliert die Sedimentation auf natürliche Weise den Weg, den Partikel auch auf offene Produktoberflächen nehmen. Entscheidender Nachteil ist die fehlende Quantifizierbarkeit: Das Ergebnis lässt sich nicht auf ein definiertes Luftvolumen beziehen, da die Abscheideeffizienz stark von Luftströmung, Partikelgröße und Expositionsdauer abhängt. Sedimentationsplatten erfassen bevorzugt größere, schwerere Partikel und unterschätzen systematisch die Konzentration kleinerer luftgetragener Keimträger. Sie gelten daher als qualitative Ergänzung, nicht als alleinige quantitative Überwachungsmethode. Grenzwerte gemäß EU-GMP-Annex 1 sind für Reinraumklassen A bis D in KBE pro 4-Stunden-Exposition definiert — für Klasse A beträgt der Aktionsgrenzwert weniger als 1 KBE pro Platte.
Aktive Luftkeimsammlung: Impaktion, Impingement und Filtration
Aktive Luftkeimsammler fördern ein definiertes Luftvolumen aktiv durch oder über ein Sammelmedium und ermöglichen dadurch volumenbezogene Ergebnisse in KBE pro Kubikmeter Luft. Das am weitesten verbreitete Prinzip in pharmazeutischen Reinräumen ist die Kaskadenimpaktion bzw. der Einstufenimpaktor nach dem RCS- oder SAS-Prinzip (Surface Air System). Dabei wird Luft durch eine Lochscheibe oder Schlitzdüse auf eine rotierende oder stationäre Agaroberfläche beschleunigt. Durch Trägheit prallen Partikel — und die daran haftenden Mikroorganismen — auf den Agar auf und werden dort fixiert.




